b. Behandlung der alten Philosophien1394)

Indem dieser Unterschied [zwischen dem], was konsequent darin liegt, und [dem,] was wirklich gedacht worden, [festgestellt wird,] gehört hierher, daß wir in Geschichten der Philosophie von einem Philosophen eine Menge von metaphysischen Sätzen können angeführt sehen - eine Anführung als eine geschichtliche Angabe von Behauptungen, die er gemacht habe -, von denen er kein Wort gewußt [und] nicht die geringste historische Spur sich findet. In Bruckers großer Geschichte sind so von Thales, [auch] von anderen eine Reihe von dreißig, vierzig, hundert Philosophemen angeführt, von denen sich historisch auch kein Gedanke bei solchen Philosophen gefunden hat. Sätze, auch Zitationen dazu aus Räsonneurs ähnlichen Gelichters können [wir] lang suchen.1395) Bruckers Prozedur ist nämlich, das einfache Philosophem eines Alten mit allen den Konsequenzen und Vordersätzen auszustatten, welche nach der Vorstellung Wolffscher Metaphysik Vor- und Nachsätze jenes Philosophems sein müßten, und eine solche bare, reine Andichtung so unbefangen aufzuführen, als ob sie ein wirkliches historisches Faktum wäre.1396) Gerade dies macht den Fortgang der Entwicklung, die Verschiedenheit der Zeiten, der Bildung und der Philosophie aus, ob solche Reflexionen, solche Gedankenbestimmungen, Verhältnisse des Begriffs ins Bewußtsein getreten waren oder nicht.1397) Gerade in den Gedanken, [die] drinnen wohl, [aber] nicht heraus [sind], ganz allein liegt der Unterschied. Der Gedanke ist hier die Hauptsache, nicht was für Begriffe ihr Leben regieren. [Brucker hat] den Gedanken derselben herausgehoben. Man [muß] sich [hingegen] ganz streng historisch genau an die eigensten Worte halten, nicht schließen [und so] Anderes daraus machen. Auch Ritter [sagt in seiner] Geschichte der ionischen Philosophie, S. 13: 'Thales betrachtete die Welt als das alles umfassende lebendige Tier, welches aus einem Samen sich entwickelt habe, - umgekehrt der Same aller Dinge sei feucht, - wie alle Tiere. [Die] Grundanschauung des Thales also [ist die], daß die Welt ein lebendiges Ganzes sei, welches sich aus Keimen entwickelt habe und nach Art der Tiere fortlebe durch eine seinem ursprünglichen Wesen angemessene Nahrung.'

An diese Folge aus dem Begriffe der Entwicklung, daß die ältesten Philosophien die abstraktesten [sind], bei ihnen die Idee am wenigsten bestimmt ist, schließt sich unmittelbar die andere an, daß, indem der Fortgang der Entwicklung weiteres Bestimmen und dies ein Vertiefen und Erfassen der Idee in sich selbst ist, somit die spätere, jüngste, neueste Philosophie die entwickeltste, reichste und tiefste ist; in ihr muß alles, was zunächst als ein Vergangenes erscheint, aufbewahrt und enthalten, sie muß selbst ein Spiegel der ganzen Geschichte sein. Das Anfängliche ist das Abstrakteste, weil es das Anfängliche ist, sich noch nicht fortbewegt hat; die letzte Gestalt, die aus dieser Fortbewegung als einem fortgehenden Bestimmen hervorgeht, ist die konkreteste. Es ist dies, wie zunächst bemerkt werden kann, weiter keine Präsumtion der Philosophie unserer Zeit; denn es ist eben der Geist dieser ganzen Darstellung, daß die weitergebildete Philosophie einer späteren Zeit wesentlich Resultat der vorhergehenden Arbeiten des denkenden Geistes ist, daß sie gefordert, hervorgetrieben von diesen früheren Standpunkten, nicht isoliert für sich aus dem Boden gewachsen ist. Das Andere, was hierbei noch zu erinnern ist, ist, daß man sich nicht hüten muß, dies, was in der Natur der Sache ist, zu sagen, daß die Idee, wie sie in der neuesten Philosophie gefaßt und dargestellt ist, die entwickeltste, reichste, tiefste ist. Diese Erinnerung mache ich deswegen, weil neue, neueste, allerneueste Philosophie ein sehr geläufiger Spitzname geworden ist. Diejenigen, die mit solcher Benennung etwas gesagt zu haben meinen, können um so leichter die vielen Philosophien kreuzigen und segnen, je mehr sie geneigt sind, entweder nicht nur jede Sternschnuppe, sondern auch jede Kerzenschnuppe für eine Sonne anzusehen, oder auch jedes Geschwöge für eine Philosophie auszuschreien und zum Beweise anzuführen wenigstens dafür, daß es so viele Philosophien gebe und täglich eine die gestrige verdränge. Sie haben damit zugleich die Kategorie gefunden, durch welche sie eine Bedeutung gewinnende Philosophie versetzen können [und] gleich fertig [mit ihr] geworden sind. Sie heißen sie eine Modephilosophie:

Lächerlich[st]er, du nennst das Mode, wenn immer von Neuem
Sich der menschliche Geist ernstlich nach Bildung bestrebt.1398)

Ich habe gesagt, daß die Philosophie einer Zeit als das Resultat der vorhergehenden deren Bildung enthält. Es ist die Grundbestimmung der Entwicklung, daß eine und dieselbe Idee - es ist nur eine Wahrheit - aller Philosophie zugrunde liegt und daß jede spätere ebenso die Bestimmtheiten der vorhergehenden enthält und ist. Es ergibt sich daraus die Ansicht für die Geschichte der Philosophie, daß wir in ihr, ob sie gleich Geschichte ist, es nicht mit Vergangenem zu tun haben. Der Inhalt dieser Geschichte sind die wissenschaftlichen Produkte der Vernünftigkeit, und diese sind nicht ein Vergängliches. Was in diesem Feld erarbeitet worden, ist das Wahre, und dieses ist ewig, existiert nicht zu einer Zeit und nicht mehr zu einer andern. Die Körper der Geister, welche die Helden dieser Geschichte sind, ihr zeitliches Leben ist wohl vorübergegangen, aber ihre Werke sind ihnen nicht nachgefolgt; denn der Inhalt ihrer Werke ist das Vernünftige, das sie sich nicht eingebildet, erträumt, gemeint haben, und ihre Tat nur dies, daß sie das an sich Vernünftige aus dem Schachte des Geistes, worin es zunächst nur als Substanz, als inneres Wesen ist, zu Tag ausgebracht, in das Bewußtsein, in das Wissen befördert haben. Diese Taten sind daher nicht nur in dem Tempel der Erinnerung niedergelegt, als Bilder von Ehemaligem, sondern sie sind jetzt noch ebenso gegenwärtig, ebenso lebendig als zur Zeit ihres Hervortretens. Es sind Wirkungen und Werke, welche nicht durch nachfolgende wieder aufgehoben und zerstört worden sind; sie haben nicht Leinwand, noch Marmor, noch das Papier, noch die Vorstellungen, das Gedächtnis zu dem Elemente, in welchem sie aufbewahrt werden - Elemente, welche selbst vergänglich oder der Boden der Vergänglichkeit sind -, sondern das Denken, das unvergängliche Wesen des Geistes, wohin nicht Motten noch Diebe dringen. Die Erwerbe des Denkens als dem Denken eingebildet machen das Sein des Geistes selbst aus. Diese Erkenntnisse sind ebendeswegen nicht eine Gelehrsamkeit, die Kenntnis des Verstorbenen, Begrabenen und Verwesten; die Geschichte der Philosophie hat es mit dem nicht Alternden, gegenwärtig Lebendigen zu tun.

Wie nun im logischen System des Denkens jede Gestaltung desselben seine Stelle hat, auf der es allein Gültigkeit hat, und durch die weiter fortschreitende Entwicklung zu einem untergeordneten Momente herabgesetzt wird, so ist auch jede Philosophie im Ganzen des Ganges eine besondere Entwicklungsstufe und hat ihre bestimmte Stelle, auf der sie ihren wahrhaften Wert und Bedeutung hat.

1399) c. Nach dieser Bestimmung ist ihre Besonderheit wesentlich aufzufassen, teils nach dieser Stelle anzuerkennen und ihr ihr Recht widerfahren zu lassen; ebendeswegen [darf] von ihr nicht mehr gefordert und erwartet werden, als sie leistet; es ist in ihr die Befriedigung nicht zu suchen, die nur von einer weiter entwickelten Erkenntnis gewährt werden kann. Jede Philosophie eben darum, weil sie die Darstellung einer besonderen Entwicklungsstufe ist, gehört ihrer Zeit an und ist in ihrer Beschränktheit befangen. Das Individuum [ist] Sohn seines Volkes, seiner Welt. Der Einzelne mag sich aufspreizen, wie er will; er geht nicht über sie hinaus, denn er gehört dem einen allgemeinen Geiste an, der seine Substanz und Wesen ist; wie sollte er aus diesem herauskommen? Derselbe allgemeine Geist ist es, der von der Philosophie denkend erfaßt wird; sie ist sein Denken seiner selbst und ist somit sein bestimmter, substantieller Inhalt.

Aus diesem Grunde aber befriedigt den Geist, in dem nun ein tiefer bestimmter Begriff lebt, eine frühere Philosophie nicht. Was er in ihr finden will, ist dieser Begriff, der bereits seine innere Bestimmung und die Wurzel seines Daseins ausmacht, als Gegenstand für das Denken erfaßt; er will sich selbst erkennen. Aber in dieser Bestimmtheit ist die Idee in der früheren Philosophie noch nicht vorhanden. Deswegen leben wohl die Platonische, Aristotelische usf. Philosophie immer und gegenwärtig; aber in dieser Gestalt und Stufe, auf der die Platonische, Aristotelische Philosophie war, ist die Philosophie nicht mehr. Es kann deswegen heutigentags keine Platoniker, Aristoteliker, Stoiker, Epikureer mehr geben. Sie wieder erwecken, den gebildeteren, tiefer in sich gegangenen Geist darauf zurückbringen zu wollen, würde ein Unmögliches, ein ebenso Törichtes sein, als wenn der Mann sich Mühe geben wollte, Jüngling, der Jüngling wieder Knabe oder Kind zu sein, obgleich der Mann, Jüngling und Kind ein und dasselbe Individuum ist. Die Zeit der Wiederauflebung der Wissenschaften, die neue Epoche des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts hat nicht nur mit dem Studium, sondern auch mit der Aufwärmung der alten Philosophien angefangen. Marsilius Ficinus war ein Platoniker, von Cosmus Medici ward sogar eine platonische Akademie gestiftet und Ficinus an ihre Spitze gestellt. Pomponatius [war] ein reiner Aristoteliker, Gassendi später ein Epikureer, in der Physik philosophierend; Lipsius wollte ein Stoiker sein usf. Man hatte überhaupt die Ansicht des Gegensatzes: alte Philosophien und Christentum; aus und in diesem hatte sich noch keine eigentümliche Philosophie entwickelt; was man beim Christentum für Philosophie hatte und haben könne, sei eine jener Philosophien, die in diesem Sinne wieder aufgenommen wurden. Aber Mumien unter das Lebendige gebracht, können unter diesem nicht aushalten; der Geist hatte längst ein substantielleres Leben in sich, trug einen tieferen Begriff seiner selbst längst in sich und hatte somit ein höheres Bedürfnis für sein Denken, als jene Philosophien befriedigten. Ein solches Aufwärmen ist daher nur als der Durchgang des Sich-Einlernens in bedingende, vorausgehende Formen, als ein nachgeholtes Durchwandern durch notwendige Bildungsstufen anzusehen; wie solches in einer fernen Zeit Nachmachen und Wiederholen solcher dem Geiste fremd gewordenen Prinzipien in der Geschichte als eine vorübergehende, ohnehin auch in einer erstorbenen Sprache gemachte Erscheinung auftritt, dergleichen sind nur Übersetzungen, keine Originale, und der Geist befriedigt sich nur in der Erkenntnis seiner eigenen Ursprünglichkeit. Wenn die neueste Zeit gleichfalls wieder aufgerufen wird, zum Standpunkt einer alten Philosophie zurückzukehren1400) , wie man insbesondere die Platonische Philosophie dazu näher als Rettungsmittel [empfiehlt], um aus allen den Verwicklungen der folgenden Zeit herauszukommen, so ist solche Rückkehr nicht jene unbefangene Erscheinung des ersten Wieder-Einlernens; sondern dieser Rat der Bescheidenheit hat dieselbe Quelle als das Ansinnen an die gebildete Gesellschaft, zu den Wilden der nordamerikanischen Wälder, ihren Sitten und den entsprechenden Vorstellungen zurückzukehren, und als die Anempfehlung der Religion Melchisedeks, welche Fichte einmal (ich glaube in der Bestimmung des Menschen)1401) als die reinste und einfachste und damit als diejenige aufgewiesen hat, zu der wir zurückkommen müssen. Es ist einerseits in solchem Rückschreiten die Sehnsucht nach einem Anfang und festen Ausgangspunkt nicht zu verkennen; allein dieser ist in dem Denken und der Idee selbst, nicht [in] einer autoritätsartigen Form zu suchen. Andererseits kann solche Zurückweisung des entwickelten, reichgewordenen Geistes auf solche Einfachheit, d. i. auf ein Abstraktum, einen abstrakten Zustand oder Gedanken, nur als die Zuflucht der Ohnmacht angesehen werden, welche dem reichen Material der Entwicklung, das sie vor sich sieht und das eine Anforderung ist, vom Denken bewältigt und zur Tiefe zusammengefaßt zu werden, nicht genügen zu können fühlt und ihre Hilfe in der Flucht vor demselben und in der Dürftigkeit sucht.

Aus dem Gesagten erklärt sich, warum so mancher - der, es sei durch solche besondere Empfehlung veranlaßt oder überhaupt von dem Ruhme eines Platon oder der alten Philosophie im allgemeinen angezogen, an dieselbe geht, um die Philosophie so aus den Quellen zu schöpfen - sich durch solches Studium nicht befriedigt findet und ungerechtfertigt von dannen geht. Man muß wissen, was man in den alten Philosophen oder in der Philosophie jeder anderen bestimmten Zeit zu suchen hat, oder wenigstens wissen, daß man in solcher Philosophie eine bestimmte Entwicklungsstufe des Denkens vor sich hat und in ihr nur diejenigen Formen und Bedürfnisse des Geistes zum Bewußtsein gebracht sind, welche innerhalb der Grenzen einer solchen Stufe liegen. In dem Geiste der neueren Zeit schlummern tiefere Ideen, die, um sich wach zu wissen, einer anderen Umgebung und Gegenwart bedürfen als jene abstrakten, unklaren, grauen Gedanken der alten Zeit. In Platon z. B. finden die Fragen über die Natur der Freiheit, die Quelle des Übels und des Bösen, der Vorsehung usf. nicht ihre philosophische Erledigung.1402) Man kann über solche Gegenstände sich wohl teils populäre fromme Ansichten aus seinen schönen Darstellungen holen, teils aber den Entschluß1403) , dergleichen philosophisch ganz auf der Seite liegen zu lassen, oder aber das Böse, die Freiheit nur [als] etwas Negatives zu betrachten. Aber weder das eine noch das andere ist befriedigend für den Geist, wenn dergleichen Gegenstände einmal für ihn sind, wenn der Gegensatz des Selbstbewußtseins [in] ihm die Stärke erreicht hat, um in solche Interessen vertieft zu sein.

Der angegebene Unterschied hat auch eine weitere Folge auf die Art und Weise der Betrachtung und Abhandlung der Philosophien in ihrer geschichtlichen Darstellung.